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DIE GESCHICHTE DES ANWESENS MUSSMEHLSTRASSE 6



Ein Teil eines Lehenhofes des Reutlinger Spitals

 

Quelle: Reutlinger Geschichtsblätter, Nr. 25, Jahrgang 1986

 

Das Anwesen liegt mitten im alten Dorfkern von Betzingen. Wie einem Beitrag in den Reutlinger Geschichtsblättern zu entnehmen ist, stehen die Gebäude auf dem Areal eines Lehenhofes des Reutlinger Spitals, dessen Geschichte weit zurückverfolgt werden kann. Haus, Scheuer und Hofplatz, zu dem 26 Joch Acker und neun Morgen Wiesen gehörten, war bereits 1479 ein Erblehen eines Betzingers namens Conrat Ann. Nach der damaligen Beschreibung lag der Hof einerseits an Auberlin Tygels Hof, andererseits an Hans Stammlers Garten "der Echaz" und an der dritten Seite stand er an der mittleren Gasse, "die auch gen der Echaz us hin gaut".

 

Die Abgben der Familie Ann waren genau festgelegt. Sie musste ohne Rücksicht auf Ertragsschwankungen von den Äckern jährlich vier Scheffel Dinkel und genau so viel Hafer in sauberen und trockenen Körnern, außerdem sieben Fuder Heu, zwei Hühner im Herbst, 120 Eier zu Ostern und ein Huhn zu Fasnacht als Wiesenzins ans Spital nach Reutlingen abliefern.

 

100 Jahre später ist der Hof ein Erblehen der Witwe Michael Digels. Für die Zeit dazwischen werden Ludwig Ann, Hans Scherer und Jakob Mathis als Inhaber genannt. Die Abgabenpflicht war zwischendurch geändert worden: Die Spitalapfleger Michael Decker und Ludwig Kupferschmid einigten sich mit den Bewirtschaftern auf eine Landgarbe, die dem dritten Teil aller geernteten Früchte entsprach. Dafür zahlte das Spital 70 Gulden, mit deren Ablösung man der Ablieferungspflicht entgehen konnte.

 

Die neue Form der Abgaben bot dem Spital die Möglichkeit, den Grundstücksbesitz aufzustocken. Später ist deshalb bei einem neuen Inhaber namens Matthäus Digel von 28 Joch Acker die Rede. Der verkaufte den Spitallehenhof an den Betzinger Bürgermeister und Wirt Martin Nonnenmacher. Dessen Erben waren Sohn Martin und die Schwiegersöhne Hans Jerg Werenwag und Peter Faßnacht.

 

Martin Nonnenmachers Witwe heiratete den Reutlinger Metzger Johann Jakob Kurtz, der Ochsenwirt und Landwirt in Betzingen wurde. Nachbesitzer waren Johann Georg Kehrer, Daniel Kurtz und Johann Georg Kurtz. Dessen Witwe heiratete Martin Digel, der 1781 dann im Besitz des halben Hoflehens war. 1805 wurde es dem Sohn Christoph Digel hinterlassen, dessen Erben den Besitz 1843 aufteilten. 1898 verkaufte Jakob Digels Witwe das halbe Haus an den Krämer Ludwig Digel, der darin einen Laden einrichtete und die Hausnummer 6 zugeteilt bekam.

 

Die andere Hälfte gehörte 1860 dem Schuhmacher Johann Georg Digel, 1893 dessen Sohn Gustav Digel, Haus und Scheuer wurden zehn Jahre später dem Landwirt Daniel Wolpert übertragen. Seit 1909 trägt dieser Gebäudeteil die Hausnummer 4.

 

Ende der 1980er-Jahre erwarb die Stadt Reutlingen die Gebäude. Seit diesem Zeitpunkt standen sie weitgehend leer oder wurden als Lager genutzt. Zweimal wurde das Areal öffentlich zum Kauf angeboten. Ein bei der ersten Ausschreibung erfolgreicher Interessent hielt sein Angebot nicht aufrecht. Bei der zweiten Ausschreibung im Jahr 2011 war der Förderverein Ortskern Betzingen einziger Bieter. Er ist seit 2012 Eigentümer des Areals.

 



Bauhistorische Einordnung des Gebäudes Mußmehlstraße 6

 

Von Tilmann Marstaler M.A. 2011

 

Das Betzinger Bauernhaus in der Mußmehlstrasse 6 (Baujahr 1727) gehört zu den typischen Vertretern des frühen 18. Jahrhunderts. Bereits die Anlage des Gehöfts als Hakengehöft mit giebelständig an der Straße errichtetem Wohnhaus und quer dazu im rückwärtigen Teil der Parzelle gelegener Scheune kann als regionaltypisch gelten. Gleiches gilt auch für die Bauweise und Grundrisskonzeption des Hauses. In der vollständig verzapften oder als Druckstreben konzipierten Ausführung der schrägen Aussteifungshölzer steht das Gebäude ebenfalls ganz auf Höhe der Zeit. Dasselbe gilt auch für die Gestaltung der Fassaden, die paarweise an den Ständern angeordneten Fußstreben nur noch im Dachgiebelbereich zeigt, während man im Unterbau und an den Innenwänden wandhohe Feldstreben bevorzugte.

 

Der eigentliche Kernbau ist vermutlich wegen gravierenden Schäden am Bauholz durch Hausbockbefall bei mehreren, teils kräftig in die Substanz eingreifenden Umbauten im 19. und 20. Jahrhundert in seinem Originalbestand deutlich reduziert. Dagegen blieb die östliche Hauserweiterung, die auf das Jahr 1802 datiert werden konnte, mitsamt östlicher Sichtfachwerkfassade weitgehend original erhalten. Beide Bauphasen zeigen wichtige Hinweise zur Lage der Bauholzversorgung Betzingens im 18. und 19 Jahrhundert auf: der weitaus größte teil der hier verbauten Bauhölzer sind Nadelhölzer, die aus dem Floßholzhandel am Neckar stammen. Damit ist das Gebäude neben seiner charakteristischen regionaltypischen Bauweise auch ein Dokument der Wald- und Wirtschaftsgeschichte.

 

In dem rückwärtigen Teil des vermutlich erst im fortgeschrittenen 19. Jahrhundert aufgeteilten Hauses scheint in manchen Bereichen die Zeit stehen geblieben zu sein. Dies gilt neben den seit 1802 nahezu unverändert gebliebenen Dachräumen vor allem für den in der Trennwand zwischen Küche und nordöstlichem Eckzimmer eingebauten Abort. Er erinnert nicht nur durch seinen Brettsitz, sondern vor allem durch seine Entsorgungseinrichtung mittels Brettschacht und Fasslatrine an Grabungsbefunde aus mittelalterlichen Städten und stellt damit ein einzigartiges Dokument für die Langlebigkeit menschlicher Wohnkultur auf dem Lande dar.